Die neue Form der Sportlichkeit bei Alpine
Alpine und Gewicht, das war jahrzehntelang eine Beziehung mit leichter Schlagseite. Die ursprüngliche A110 war federleicht, ein französischer Rallye-Floh mit Nummerntaferl. Dann kam die A310: größer, komfortabler, schwerer. Die GTA? Wieder ein bisschen größer, wieder ein bisschen schwerer. Die A610 setzte die Tradition fort. Und jetzt steht sie da: die A390. Die größte Alpine aller Zeiten. Fast 4,62 Meter lang, fünf Türen, Platz für die Familie und bauartbedingt wieder ein bisserl schwerer. Man könnte also sagen: Die Geschichte von Alpine ist eine Geschichte zunehmender Masse. Allerdings auch eine Geschichte zunehmender Leistung. Und genau deshalb fühlt sich die neue A390 trotz ihrer stattlichen Erscheinung erstaunlich stark nach Alpine an.
Schon optisch macht die A390 klar, dass sie keine gewöhnliche Elektro-Limousine sein möchte. Alpine nennt sie "Sport Fastback". Andere würden wahrscheinlich Crossover sagen. Wieder andere SUV-Coupé. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die markante Lichtsignatur fällt ebenso auf wie die Farbe "Bleu Alpine Vision". Und wer genau hinsieht, entdeckt in der C-Säule sogar eine kleine Verbeugung vor der aktuellen A110.
Innen geht es überraschend nobel zu. Nappaleder, Alcantara, Aluminium und Carbon schaffen eine Atmosphäre, die Alpines Rolle als konzerninterner Premiumhersteller durchaus rechtfertigt. Besonders stolz sind die Franzosen auf die serienmäßige Soundanlage von Devialet. Falls Ihnen dieser Name nichts sagt: Das sind jene Franzosen, die Lautsprecher bauen, für die man andernorts den Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens auf den Tisch legen kann. Hier gibt es die Expertise serienmäßig dazu.
Ist ein über zwei Tonnen schweres Familien-SUV überhaupt noch eine echte Alpine? Die Antwort liefert die erste Ausfahrt auf sehr kurvigem Geläuf. Denn dort merkt man schnell: Eine Alpine war nie nur leicht. Eine Alpine war immer vor allem eines: ein Vergnügen.
Passt für die Alpinistenfamilie
Auch beim Platzangebot zeigt sich die A390 erstaunlich vernünftig. Auf der Rückbank sitzen Erwachsene problemlos und der Kofferraum fasst 532 Liter. Werden die Rücksitze umgelegt, wachsen daraus beachtliche 1.643 Liter. Werte, die man von einer Alpine bislang ungefähr so erwartet hätte wie eine Anhängerkupplung an einem Formel-1-Wagen.
Apropos Formel 1: Beim Lenkrad haben sich die Verantwortlichen ganz offensichtlich im Motorsport umgesehen. Links unten wird die Rekuperation eingestellt, rechts unten der Fahrmodus gewählt. Und rechts oben sitzt der rote OV-Knopf für den Overtake-Boost. Ein Druck darauf und die komplette Leistung steht bereit. Das Infotainment basiert auf Android Automotive. Wer ein Ziel eingibt, landet automatisch bei Google Maps. Das funktioniert intuitiv und schnell.
Dazu kommen die sogenannten Alpine Telemetrics. Dahinter verstecken sich digitale Fahrtrainer, Effizienz-Challenges und allerlei Datenanalysen für Menschen, die ihre Kurvenlinien genauso ernst nehmen wie ihre Steuererklärung.
In der großen Alpine arbeiten gleich drei Elektromotoren zusammen. Einer an der Vorderachse, zwei an der Hinterachse. Gemeinsam liefern sie 400 PS und 661 Newtonmeter Drehmoment. Der Sprint auf 100 km/h gelingt in 4,8 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 200 km/h. Gespeist wird das Ganze von einer 89-kWh-Batterie, die bis zu 551 Kilometer WLTP-Reichweite ermöglicht.
Das Lenkrad könnte direkt aus einem Formel-1- oder WEC-Rennauto stammen. Das restliche Cockpit spart nicht mit feinen Materialien: Nappaleder, Alcantara, Aluminium und Carbon.
Auf dem Papier klingt das beeindruckend. Noch interessanter wird es aber in den Kurven. Denn Alpine hat die beiden hinteren Motoren nicht nur eingebaut, um bei Stammtischdiskussionen zu gewinnen. Sie ermöglichen ein besonders feines Torque Vectoring. Das System verteilt die Antriebskraft aktiv zwischen linkem und rechtem Hinterrad. Das Ergebnis fühlt sich verblüffend an. Die A390 lenkt förmlich um die Kurve herum. Fast so, als würde die Hinterachse heimlich mitlenken. Tut sie natürlich nicht. Aber sie vermittelt genau dieses Gefühl.
Fakt vs. Gefühl
Dabei darf man nicht vergessen: Dieses Auto wiegt knapp über zwei Tonnen. Für eine Alpine ist das nicht wirklich leicht, für ein Elektroauto dieser Größe mit drei Motoren und Allradantrieb wiederum ist es erstaunlich wenig. Dazu kommt eine nahezu perfekte Gewichtsverteilung von 49 Prozent vorne und 51 Prozent hinten. Bemerkenswert ist auch die Bandbreite des Fahrwerks. Die A390 kann durchaus sportlich sein, bleibt aber immer komfortabel genug für lange Strecken. Genau das steckt schließlich hinter der gefahrenen Variante GT: Grand Tourisme. Schnell reisen statt nur schnell fahren.