Der Audi Nuvolari ist die sportliche Speerspitze
Auf die Frage, warum denn nicht alles immer reibungslos funktioniere, antwortete ein Ingenieur einer nicht näher genannten italienischen Automarke: "Wenn es funktionieren würde, wäre es ja ein Audi!"
Das ist per se ja nichts schlechtes, impliziert im Unterton allerdings einen gewissen Gähn-Faktor, sollte ein Automobil stets das machen, was es sollte. Technische Perfektion killt Emotion. Oder schlicht: Wer schön sein will, muss leiden. Dass die Ausnahme die Regel bestätigt, zeigt der Audi Nuvolari. Denn die Herrn der Ringe haben ganz schön viel italienische Emotion in ihre deutsche Perfektion gepresst.
Da wäre der Name: Nuvolari. Tazio Nuvolari. Kein geringerer, als der größte Fahrer der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so man Ferdinand Porsche glaubt. Nach zahlreichen Erfolgen mit Ferrari pilotierte er 1938 den Auto Union Typ D und gewann damit sogar den großen Preis von Italien. Der zweite Weltkrieg verhinderte weitere Heldentaten, die Legende war aber ohnehin bereits geboren. Aufmerksame Autofans erleben gerade ein Déjà-vu, denn 2003 hat Audi bereits einen Nuvolari vorgestellt: eine Studie. Allerdings eine, die mit dem erstmals gezeigten Singleframe-Grill das Design aller folgenden Audi-Modelle maßgeblich beeinflusst hat. Wenn wir uns den neuen Nuvolari so anschauen, verheißt das eigentlich nur Gutes für kommende Ringträger.
Klare Kante siegt über verspielte Rundungen. Der Audi Nuvolari zeigt Designmerkmale des R8, ohne ihn direkt zu zitieren. Audi spricht von einem seriennahen Prototypen, dessen Optik allerdings final ist. Würde Audi das nicht versichern, wäre es auch wenig glaubhaft. So brutal sieht der Nuvolari aus.
Nun aber zum Auto. Erster Gedanke: Geil! Zweiter Gedanke: Noch geiler, weil kein reiner Elektrosportler. Die Studie "Concept C", das optische Vorbild, war ja noch rein elektrisch angetrieben. Der Nuvolari vertraut auf ein schnell pochendes V8-Herz, das drei Elektromaschinen als Schrittmacher verwendet. Insgesamt 1.001 PS kommen – eh klar – bei allen Vieren an. 1.001 PS, wie der Bugatti Veyron damals. Das war vor etwa zwei Jahrzehnten das schnellste Auto der Welt – und eines der teuersten. Gut, billig wird auch der Nuvolari nicht. Aber ganz ehrlich: Wer bei einem solchen Flachmann mit vierstelliger Leistungsangabe nach dem Preis fragt, hat vermutlich ohnehin die falsche Broschüre in der Hand.
Mehr als nur R8
Der Nuvolari spielt in jener Liga, in der Carbon nicht als Draufgabe, sondern als Grundnahrungsmittel gilt. An der Front thront natürlich ein Singleframe-Grill. Also zumindest eine Art. Nach Audi-Nomenklatur heißt er jetzt "Vertical-Grill" und besteht aus 64 Segmenten, die die Luft ganz gezielt durch Kanäle leiten. Die Heckansicht wirkt, als wäre sie mit dem Geodreieck gezeichnet worden. Allerdings mit viel Grazie. Womit wir wieder bei der italienischen Emotion wären, die ihres Zeichens wieder eine gute Überleitung zum Antrieb ist, der eine Leihgabe der italienischen Konzernschwester ist.
Der erste Audi Nuvolari wurde 2003 vorgestellt, pünktlich zum 50. Todestag des italienischen Rennfahrers. Mit seinem Singleframe-Grill beeinflusst er das Design aller Audi-Modelle bis heute.
"Einen Motor borg i schon, aber ein Lamm borg i nie." Nein, den Wortwitz konnte sich der Autor dieser Zeilen nicht verkneifen. Die Leistung von 1.001 PS war ja schon Thema, das Drehmoment noch nicht. 1.300 Newtonmeter sind es. Beeindruckend. Zahlen, die früher ausschließlich in der Nähe von Lokomotiven auftauchten. Entsprechend unerquicklich fällt das Gespräch mit der Traktionskontrolle aus. 0 auf 100 km/h? Irgendwo im Bereich von zweieinhalb Sekunden. 0 auf 200? Schnell genug. Die Höchstgeschwindigkeit liegt jenseits der 350 km/h und damit deutlich oberhalb dessen, was die meisten Menschen jemals freiwillig erleben möchten. Die Batterie ist übrigens 7,3 Kilowattstunden groß. So als Randnotiz.
Im Innenraum treffen präzise gefrästes Aluminium, Alcantara und feinste Lederhäute auf ein sehr aufgeräumtes Design. Die Anzeigen schweben scheinbar frei im Raum, Schalter gibt es nur dort, wo Berührung tatsächlich besser ist als Wischen. Und genau darin liegt vielleicht die größte Leistung des Audi Nuvolari. Er ist kein rollender Technikdemo-Overkill und kein emotionsfreier Computer auf Rädern. Er verbindet deutsche Ingenieurskunst mit italienischer Leidenschaft. Die Vernunft sagt, dass niemand 1.001 PS braucht. Das Herz antwortet darauf mit einem kurzen, aber sehr überzeugenden: "Na und?"